Postkarte aus Schinias

 

IMAG0688 Im Sand kann man graben. Ich kann ihn durch die Hände rieseln lassen, den Bauchnabel auffüllen, bis die kleinen Körnchen der Rundung der Taille entrollen und nach der kurzen Vorführung wieder in die Unzählbarkeit des unter mir liegenden Strandes abtauchen.

Auf dem Ast der Pinie sitzt eine kleine Eule und beobachtet darunter spielende Hunde mit Argwohn. Die Verkünderin des Todes argwöhnt den Wächtern der Unterwelt. Dabei sollten sie doch zusammenarbeiten.

Um den Mond herum gibt es keine Sterne. Der Himmelslampion schwebt über mir, schluckt Sterne. Thoth ist der Mondgott der Weisheit, womit sich die aufsteigende Trias Hund-Eule-Mond vollendet.

In der Kulisse geräuscht das Meer mit seinen unwiderstehlichen und unwiederbringlichen Wellen und mahlt den Strand feiner und feiner. Ich schreie es an, es solle endlich ruhig sein. Die Hunde stimmen zu und bellen mit mir. Aber es hört mich nicht. Es ist selbst zu laut. Die Weisheit im Baum und am Himmel äugt dem unbeeindruckten Meer entgegen, wissend, dass dem Urgeräusch nicht mit sterblichen Lauten widersprochen werden kann.

Und renne los, die Begleiter meiner Seele neben mir, in den Horizont hinein.
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Als ich aufwache, schiebt sich der Glutballen der Sonne aus dem Meer. Tau sammelt sich in meinem Bauchnabel. Anubis neben mir erwacht und leckt ihn aus. Als ich das nächste Mal erwache, bekomme ich nasse Füße. Die Flut kommt mich holen. Ich gewähre ihr die Gunst und vertraue den Wogen. Anubis der Feigling rettet sich weiter nach oben. Schwebend zieht es hinaus und schiebt zurück. Aber Poseidon will mich nicht und landet mich mit einer entschiedenen Woge sanft in die Umarmung des Sandes.

Nasser Sand bleibt auf meinem Bauch liegen, würde mich begraben. Anubis ist verschwunden. Ich stehe auf und gehe. Diesen Tag also noch.

 

Rothenburg – intra muros

Der Wiederaufbau der rothenburgschen Stadtmauer versiegelt die mittelalterliche Traumwelt in ihrem Inneren. Genauso wenig die Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert überdauerte, so wenig ist das ihr Eingeschlossene alt oder authentisch. Kein Haus stand, wie es steht. Keine Straße lag, wie sie liegt. Die Mauer, komplett, dicht, glatt, sichtbar.

Inszeniert eine mittelalterliche Stadt! Fäkalien in den Gassen, wurmstichiges Holz, durchregnete Dächer, der Geruch von Verbranntem – und die Mauer: angelehnte Ställe, ungebändigter Efeu, Steinschlag, Ziegelfall. Instandsetzung alle 123 Jahre. Und irgendwann steht sie im Weg. Die Durchfahrt zu klein. Der Weg herum zu weit. Die Sicht versperrt. Haut Löcher hinein!

Die Mauer, die Stadt sind heute denkmalhistorisch. Kein Abbild vergangener Zeiten. Sie sind nur jetzt und hier. Kulminationspunkt einer Entwicklung. Ein inszeniertes Nebeneinander, wo es kein Nebeneinander gab. Ein zusammengeraffter Bauzustand, dessen Details über Jahrhunderte datieren.

Unsere Vorstellungswelt besteht aus Architekturskizzen. Dreidimensional verwirklicht. Ohne fliegenden Müll. Ohne schlafende Menschen. Ohne ratterndes Fuhrwerk auf Pflaster. Alles in einem Idealzustand festgemörtelt, pastellgefärbt und druckgereinigt. Der Katalog, der Reiseführer, der Rundweg halten das Pasticcio zusammen. 1000 Jahre Geschichte auf 50 Hektar komprimiert.

Wir nehmen begangene Erinnerungen mit. Kaffeetrinkend, sitzend, spazierend in einer unbedrohlichen Stadt, in der wir nicht leben mussten. Anfassen erlaubt. Der Ausgang ausgeschildert. Freundlich zum Ende.