Gebt Adlershof eine Chance!

(in UnAufgefordert Nr. 121, Juni 2001)

Adlershof ist nicht urban, sondern provinziell. Der Geruch des kleinbürgerlichen Siechtums hängt nicht nur in der Umgebung des Wissenschaftssoziotops, sondern haftet bereits an allen neu errichteten Gebäuden. Sie riechen nicht nach Weltbürger, wissenschaftlichen Internationalismus und erwecken nicht den Anschein, als wenn von dort ein kulturelles Erbe zu erwarten sei. Vielmehr erscheinen sie in ihrer Dimension, Ausstattung und Lage als die Phantasie eines Kleingeistes, der nicht Horizont genug hatte, um die Erfordernisse einer modernen Wissensschmiede zu erkennen.
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Die Mensa Süd

(in UnAufgefordert Nr. 100, 27.01.1999)

Am liebsten esse ich Kartoffeln mit Omelett und der sensationellen Champignon-Sauce (Soße). (Gibt es in der Mensa Süd in unregelmäßigen, aber stetigen Abständen.) Ich freue mich immer schon Tage im voraus darauf, wenn es dann endlich auf der Speisekarte steht. Wie ich mich auf die Mensa Süd sowieso am meisten freue. Was ist schon die Mensa Nord mit ihrer häßlichen Architektur, den weitläufigen Speisesälen (in denen man stets Platz findet), die vier verschiedenen Essen (die einem die Entscheidung nur schwer machen)? Was ist schon die TU-Mensa mit ihren Speisesaal-Augen, die beständig auf den Steinplatz äugen, mit ihrer Auswahl an Nachtisch, den breiten Stühlen (die eher entpolsterten Sesseln gleichen) und der üppigen Flora, die im Speisesaal wuchert? Was haben diese Mensen gegenüber der Mensa Süd schon zu bieten? Read more

Der Institutsrat

(in UnAufgefordert Nr. 98, 25.11.1998)

Ich überlege, ob ich wirklich für den Institutsrat kandidieren sollte. Ich habe dabei immer die Befürchtung, mit dabei geholfen zu haben, diese Universität zu begraben. Mit der Annahme meiner Wahl bekomme ich den Spaten in die Hand gedrückt und kann helfen, draußen in Adlershof ein Loch zu schaufeln, in dem die Universität dann verschwindet. Und es ist illusorisch, daß die Gesellschaftswissenschaften (und alles, was in Mitte verbleibt), nicht mitgerissen werden vom Untergang der Naturwissenschaften. Die Titanic ist auch in der Mitte gebrochen und trotzdem komplett gesunken.

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Eidos:Telos

Dear Mr. Forsythe,

gerade ist Eidos:Telos durch mich hindurchgetobt und ich frage mich, welcher Dämon kann solche Kräfte entfesseln. Wer besitzt die Stärke, Mensch zu Geräusch zu verwandeln und Geräusche in brodelnde Menschen? Wer bist Du? Oder besser: Welcher Unsinn manifestiert sich in Dir?

Ich will jetzt nicht den Versuch unternehmen, irgend etwas mit armseligen Worten wiederzugeben, was ich gesehen und erfahren habe. Mein Bewußtsein sagt mir, daß ich nichts verstanden habe. Aber meine Gefühle verraten mir, daß dort etwas tief eingesunken ist und in meinem Innersten wühlt. Ich habe heute einen Blick in verlassene Ecken meiner Seele getan und sicher auch Deiner Seele, falls Du eine solche besitzt. Den Beweis für die Existenz Deiner Seele mußt Du aber noch bringen!

Diese verlassenen Ecken präsentieren sich in Deiner Beleuchtung gar nicht so verlassen, wie ich anfangs glaubte. Es gibt dort Wesen, die rebellieren, und Wesen, die gehorchen. Aber alle erdrücken sich unter der Last der Geräusche, von all denen Musik das angenehmste aller Geräusche ist. Die Geräusche erzeugen Bewegung, nicht nur der Luft, sondern auch der Menschen, die mit dieser bebenden Luft in Berührung geraten. Diese Menschen ergeben Verstärker, greifen aus der kleinen, zitternden Luft einen Teil heraus und erhöhen sie in sichtbare Bewegung. Und selbst Stille erzeugt Schwingung, die gesehen werden kann. Die Schwingung ist Bewegung, und diese Bewegung erzwingt das nächste Geräusch. Wenn das Geräusch sich zu einem Unton steigert oder zu Harmonie, dann kommen alle Wesen in den verlassenen Winkeln meiner Seele in Aufruhr, tanzen oder zappeln wild und kreuchen mir durch die Sinne, den Kopf, die Gedärme. Mit jedem Ausatmen hoffe ich, ein paar von ihnen hinauszuschleudern. Mit jedem Einatmen hoffe ich, sie mögen Sauerstoff nicht vertragen. Um dann im Finale ihnen den Garaus zu bereiten. Sie beschwichtigen. Sie besänftigen. Vorhang fällt und ich bin paralysiert.

Wie kann jemand in einem solchen Augenblick nur die Hände heben und klatschen? Es zeigt doch nur, daß dieser Jemand nichts erlebt hat, nichts durchlebt hat.

Das Publikum will unterhalten werden. Und Du verhöhnst es! Was denkst Du, wieviel Leute im Saal sitzen und etwas von dem verstehen, was Du entfesselt hast? Also ich habe nichts verstanden, nur gefühlt. Und ich habe nicht geklascht. Das Klatschen durchbricht jedes Nachbeben, jede Regung, die sich festsetzen wollte. Genützt hat es nichts, da die anderen applaudiert haben. Empfindest Du den Applaus nicht als Spott an Deiner Arbeit? Und Du selbst verspottest das Publikum. Der Schluß des zweiten Teils war ganz nach meinem Willen.

Verzeihen

Kann man jemandem etwas verzeihen? Ich habe das Gefühl, dass dies ein recht unvernünftiger Brauch ist. Er entstammt sicher der christilichen Moral (Sünden vergeben etc.). Aber steckt darin nicht eine unerhörte Anmaßung des Verzeihenden? Er sieht sich selbst in der Position, entscheiden zu dürfen, ob die Handlungen einer Person den gesellschaftlichen Beziehungen oder speziell ihrer zwischenmenschlichen Beziehung, nachhaltig schaden oder nicht. Dadurch wird der Handelnde seiner Verantwortung für seine Handlungen enthoben.

Der Verzeihende verpflichtet sich wohl durch das Verzeihen, evtl. Handlungen zu vergessen bzw. nie wieder zu erwähnen. Also steht hinter dem Verzeihen eine Entmündigung der Person, der es etwas zu verzeihen gibt; eine Machteinräumung eben dieser Person gegenüber dem Verzeihenden und eine beidseitige Geschichtsverdrängung.

Statt des Verzeihens scheint es sinnvoller, entgleiste Handlungen zu besprechen und vor allem auch unbequeme Tatsachen auszusprechen. Denn häufig ist das Verzeihen ein Mittel, um unbequemen Offenbarungen aus dem Weg gehen zu können. Reue darf dabei aber nicht zur Selbstdemütigung werden.

Und am Ende soll es nicht heißen: “Ich verzeihe Dir.”, sondern: “Damit müssen wir leben.”

Theater

Das Theater sollte in seiner Moralbildung der Gegenwart immer ein Stück voraus sein. Nicht, dass wir das Vergangene verleugnen und vergessen sollten. Aber es sollte soweit verarbeitet sein, dass wir es als Grundlage kennen und schätzen müssen, aber wissen: wir befinden uns mehrere Schritte weiter vorn in der Entwicklung und vollbringen Taten, die dem vergangenen Menschen nicht nur unmöglich, sondern auch unbegreiflich gewesen wären.

Nachdenken

Wir müssen den technischen Fortschritt so weit bringen, dass wir uns nicht mehr um die Erhaltung unseres Lebens kümmern brauchen. Dann hätten wir endlich Zeit zum Denken. Verwaltungsvorgänge, Einkaufen, Kochen, etc. unterbrechen nur den Strom des Nachdenkens. Eben diese Tätigkeiten sind es auch, die die Unterdrückung der Volksmassen heutzutage ermöglichen. Wer im Supermarkt in der Schlange an der Kasse steht, kann gleichzeitig keine Revolution machen; und wenn er versucht, einen klaren Gedanken zu fassen, will sicher jemand mit dem Korb durch. So kommt keine Konzentration, kein Gedankenfluss zustande. Nur nicht-zusammenhängende Fragmente, Denkansätze ohne Ausführung.

Wie konnten die Griechen eine so hochstehende Kultur und Philosophie entwicken? Weil es nicht die Griechen insgesamt waren, sondern ein kleiner, sehr kleiner Teil von ihnen, der sich um nichts anderes kümmern brauchte, als um die eigene Gesunderhaltung, und auf diese Weise Zeit zum Nachdenken und Reden über das Nachgedachte hatte.

Es ist wohl nicht zeitgemäß, die Sklaverei wieder einzuführen. Aber in gewissem Sinne haben wir ja schon Sklaverei, indem wir die Maschinen für uns arbeiten lassen. Und warum sollten wir diese Sklaverei nicht bis zum Äußersten ausreizen und die Maschinen soweit weiterentwickeln, bis sie uns sämtliche Arbeit abgenommen haben?

Der tiefe Ozean

Meine Seele ist ein Ozean: tief und weit. Jede Welle ein erregtes Gefühl. Je tiefer man eindringt, desto größer wird der Druck. An der Oberfläche ist alles überschaubar und einfach. Doch in die tiefen Regionen dringt die Sonne nicht vor. Wer dort etwas sehen will, muss selbst Licht abstrahlen, Energie einbringen. Dort gibt es fabulöse Tiere und Pflanzen, es gibt Vulkane und hin und wieder ein Erdbeben. Und wenn diese Erdbeben von kleinen Grübchen neben den Lippen, Sommersprossen und einer scheinbar unangetasteten Seele ausgelöst wird, dann erzittert der ganze Ozean, dann erwärmt sich der ganze Ozean und taut das Eis der Polkappen ab.

Tagträumen

Tagträumen ist die Fähigkeit, nicht mit Worten, sondern mit Bildern zu denken. Leider wird diese Fähigkeit, die sicher jeder von uns von Geburt an besitzt, durch Erziehung verstümmelt oder vernichtet. Wie können Eltern grausam sein. Dabei ist Denken in Bildern viel schneller, informationshaltiger und emotionaler als unser karger, stockender Wortstrom, der letztlich sowieso nur die Hälfte von dem auszudrücken vermag, was wir auszudrücken im Stande wären. Stattdessen sollten Tagträume nutzbar für unsere geistige Potenz gemacht werden. Damit sie nicht durch ein Fingerschnipsen für immer aus unserem Gedächtnis verschwinden.

Verstehen

Was heisst wirkliches Verstehen? Verstehen ist nicht nur, zu einem Gegenstand historische Bezüge herstellen zu können, diesem Gegenstand einen Kontext zu geben, allgemein viel Wissen um ihn herum zu reproduzieren. Verstehen ist eine Emotion gegenüber diesem Gegenstand, eine Bewegung des Geistes und ein bewegtes Gefühl hindurch diesen. Wirkliches Verstehen gibt Zufriedenheit und Vertrautheit, ein Gefühl der Freundschaft; und einen intuitiven Zugriff auf alles, was diesen Gegenstand betrifft.

Politiker

Politiker: Man muss damit rechnen, dass Politiker, wie die meisten Menschen ebenso, einfach nur bequem sind. Ihr Handeln, genauso wie ihre Politik, wird davon geleitet, diese Bequemlichkeit zu erhalten bzw. auszubauen. Und wenn ich in die selbstgefälligen Fratzen so mancher Politiker sehe, so möchte ich sie am liebsten nackt, im Winter auf dem Reiterstandbild Friedrichs des Großen sitzen sehen. Das ist unbequem!

Music with Changing Parts

Music with changing parts. Nach viertelstündigem Hören löst sich der Bezug zu allem. Es existieren keine Beziehungen mehr; weder zur Umwelt noch zu sich selbst. Die physikalische Anwesenheit und Präsenz in der Umgebung existiert im Geist nur scheinbar. Die Physik ist außer Kraft gesetz und existiert nur scheinbar. Life goes in Pattern.

Alles, was einen umgibt, alles, was man sieht, riecht, tastet – rastet in Muster ein und vergeht mit eben diesen Mustern. Life goes in pattern.

Eindrücke verfliegen in Zeitraffer und verweilen in Zeitlupe zugleich. Eindrück werden in ihre schnellen und langsamen Bestandteile aufgespalten. Als Eindruck gilt alles. Die hereinströmenden Informationen nehmen an Intensität und Masse zu. (Delaunys Eiffelturm besitzt auch schnelle und langsame Bestandteile.) Nur Leben im Jetzt. Kein Memorieren, keine unmittelbare Erinnerung. Sofort alles verschwunden, und es gibt sofort neues “alles”. Überfluss, Vergängnis, Overflow.

Morgen

Es ist schön, noch morgen sagen zu können. Nein, nicht etwa als Abkürzung für “Guten Morgen”, sondern zu sagen: Morgen ist noch ein Tag für mich, da kann ich Dinge erledigen, Sachen machen. Dinge, die ich heute nicht schaffe oder einfach nicht machen will, denn ich kann sie ja noch morgen tun. Doch woher nehmen wir die Gewissheit, dass morgen noch existiert? Es ist keine Gewissheit; es ist nur eine Annahme, um Kontinuität in unser Handeln zu bringen. Denn wie würde man sonst Aufgaben schaffen, die mehrere Tage dauern, ja Wochen oder Monate? Man müsste jeden Tag einen Abschluss machen, einen Strich unter die Rechnung des Lebens. Doch das würde heißen, jeden Tag aufhören zu leben.